Forschung: Esca-Krankheit



Das Unbekannte ist immer auch das Spannendste

Wenn einzelne, zuvor gesund wirkende Weinstöcke von einer Woche auf die andere völlig zusammenbrechen, hat man es mit einer der rätselhaften Holzkrankheiten der Rebe zu tun. Esca ist das lateinische Wort für Zunder und bezeichnet die bekannteste dieser Krankheiten. Esca ist jedoch nicht allein – gemeinsam mit der Black Dead Arm Krankheit und der Eutypiose bildet sie ein diabolisches Trio, das sich in allen Weinbauregionen der Erde immer mehr ausbreitet. Werden diese Krankheiten sichtbar, ist es schon viel zu spät – zwischen Infektion und Ausbruch vergehen Jahre und man kann davon ausgehen, dass in jedem Folgejahr etwa 5% der Rebstöcke ausfallen werden. Und das ist vermutlich erst der Beginn einer sich verschärfenden Entwicklung; denn der einzige Weg, diese Krankheiten auf chemischem Wege zu bekämpfen ist gleichzeitig hochgiftig: Arsenit, was aus gutem Grund seit 2001 verboten ist. Aber seither beobachtet man eine beunruhigende Ausbreitung dieser Krankheiten, die vermutlich auch durch die globale Erwärmung weiter beflügelt wird. Eine befriedigende Alternative für das Arsenit steht nicht zur Verfügung. Die Lebensdauer unserer Weinberge steht also in Gefahr und damit auch die Qualität des Weins, weil mittelfristig nur noch mit jungen Rebstöcken gearbeitet werden kann. Dies bedroht natürlich auch die unverwechselbare Eigenart von Wein, die bislang ja für eine Weinbauregion typisch ist. Wir müssen auch damit rechnen, dass ganze Weinberge, nachdem sie erst einmal von diesen Krankheiten dahingerafft wurden, gar nicht mehr weitergeführt werden können.

Da man es mit (mindestens) drei Krankheitsbildern zu tun hat ist die Frage nach dem jeweiligen Erreger schwer zu beantworten. Da nur ein Bruchteil der befallenen Reben pro Saison den oben geschilderten Zusammenbruch zeigt, lässt sich der Zusammenhang zwischen Infektion und Symptomatik nur schwer bestimmen. Im Verdacht stehen eine Handvoll von holzbefallenen Pilzen, die in den befallenen Stöcken nachgewiesen wurden. Aufgrund der langen Inkubationszeit treten jedoch primäre Schäden mit Folgeschäden durch „Trittbrettfahrer“, die das schon abgestorbene Holz besiedeln gemeinsam auf. Welcher von diesen Pilzen ist nun der „Übeltäter“, welcher nur ein harmloser „Mitläufer“? In den befallenen Stöcken wurden eine ganze Reihe von Kandidaten nachgewiesen, wobei Phaeomoniella chlamydospora, Phaeocremonium aleophilum, Eutypa lata, Fomitiporia mediterranea, Botryosphaeria obtusa, Neofusicoccum parvum und Botryosphaeria stevensii am häufigsten sind. Das Holz stirbt im Mark oder in Sektoren ab, häufig, aber nicht immer bleichen die Blätter in tigerartigen Mustern aus.

Im Labor von BACCHUS-Partner Dr. Christophe Bertsch an der l’Université de Haute-Alsace Colmar konnten aus Kulturen der Black-Dead Arm-Kandidaten Neofusicoccum parvum und Diplodia serata in der Tat Extrakte gewonnen werden, die auf Zellkulturen von Reben toxisch wirken. Die in diesen Extrakten vorhandenen Gifte sind vermutlich Teil eines sogenannten nekrotrophen Lebensstils: um die pflanzliche Abwehr zu umgehen, wird die Wirtszelle kurzerhand umgebracht und danach ausgesaugt (nekrotroph bedeutet „sich von Toten nährend“). Interessanterweise fällt die Antwort der Weinzellen auf diese Extrakte je nach Pilzart unterschiedlich aus – wie stark die Zellen geschädigt werden und welche Abwehrgene aktiviert werden, hängt vom jeweiligen Erreger ab und zeigt, dass man es eigentlich mit einem ganzen Ensemble unterschiedlicher Krankheiten zu tun hat.

Das würde auch erklären, warum in den Blättern, bis wohin die Pilze gar nicht vordringen, ebenfalls Symptome zeigen. Die Extrakte aus Colmar werden derzeit im Labor von BACCHUS-Partner Prof. Dr. Peter Nick am KIT untersucht. Hierbei kommen Wein-Zellkulturen zum Einsatz, bei denen das sogenannte Cytoskelett über Proteine aus leuchtenden Meeresquallen sichtbar gemacht sind. Das Cytoskelett, ein fädiges Geflecht im Zellinnern, reagiert besonders früh und empfindlich auf nekrotrophe Toxine. Wo Gefahr droht, wächst das Rettende auch – die am KIT etablierte Sammlung heimischer Wildreben wurde im Labor Bertsch auf mögliche Resistenzen gegen Esca-Pilze getestet. In der Tat bleiben einige dieser Vitis sylvestris Reben gegen Neofusicoccum parvum und Diplodia serata fast symptomfrei. Durch Nutzung dieser Wildreben für die Züchtung könnte es daher gelingen, neue Rebsorten zu entwickeln, die gegen diese neuen Holzkrankheiten immun sind.


 

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